Choroba  - Integral

9/10

Label: none

VÖ: 11.02.2017

Laufzeit: 46 Minuten

Genre: Raw Melodic Black Metal

 

 

Heute sind wir wieder bei einer deutschen Band, die trotz ihres kurzen Bestehens für Furore sorgen könnten. Gegründet anno 2015 als Soloprojekt, veröffentlichten sie noch im selben Jahr eine EP, die als Startschuss dienen sollte. Seitdem ist die Musik von Choroba (mittlerweile bestehend aus 2 Köpfen) enorm gereift, was sich auf dem jetzt erscheinenden Album "Integral" manifestiert.

 

Stilistisch bewegen wir uns auf ganz eigenem Boden, kein Trve Black Metal, genausowenig Post Black Metal. Meiner Meinung nach trifft es der Begriff "Raw Black Metal" mit proggigen Anleihen (nein keine Sorge, keine zehnminütigen Soli) ganz gut. Der im Vorfeld


veröffentlichte Track "Spür mich" zeigt auch nur einen minimalen Ausschnitt des großen Ganzen. Eines sticht auch besonders hervor (was ich immer sehr zu schätzen weiß), man hört das Herzblut eines Musikers in jedem Song. Also kein Konserven Black Metal.

 

Gleich zu Beginn darf der titelgebende Track "Integral" an die Front. Dynamisch und druckvoll knallt die Ladung Black Metal aus den (in meinem Fall) Kopfhörern. Abwechslung im Tempo, ein gelungenes Solo und Hass auf das System machen das Lied, dessen Text in deutscher Sprache und von einem giftig keifenden Sänger vorgetragen wird, zu einem gelungenen Auftakt. Schwächen kann ich zumindest in diesem System nicht entdecken. Der Sound ist roh aber dennoch klar und es macht Spaß zuzuhören.

 

Ein Uhrticken läutet sodann "Alienated" ein. Diesmal in Englisch, kommen Fans von depressiverer Musik auf ihre Kosten. Depressiv, aber dennoch durchaus straight-forward und mit enormem Kopfnickfaktor. Susan hat hier ihren Gastauftritt als Sängerin (wie auch noch in drei anderen Liedern). Mit Gastsängerinnen, die eher harmonisch ihren Beitrag leisten, ist es ja erfahrungsgemäß manchmal kritisch. Wie fügt sich der klare weibliche Gesang in das Lied ein? Passt es dazu oder ist es ein Rohrkrepierer? Aufatmen ist angesagt, eine Britney Spears wird hier nicht kopiert. Es ist, als ob man einen ungeschliffenen Diamanten in ein tiefes schwarzes Loch wirft und man ihm beim Fallen zusehen kann. Also was ich damit sagen möchte, für meine Ohren klingt es durchaus gelungen! Und für jene, die das doch nicht so mögen, die tiefen Growls dürften euch dann auch wieder zusagen.

 

Wer an dieser Stelle jetzt einen direkten Vergleich mit einer anderen Band möchte: Den kann man nicht klar geben. Es ist von allem etwas dabei, skandinavische Kälte, bitterböse Gewalteskapaden aus Deutschland, harmonische und melodische Parts aus Schweden ein Best of Black Metal sozusagen. Vor allem aber ist es ein bitterer, kalter Vibe, der mich bei der Stange hält. Und abwechslungsreiches Songwriting. Die Lieder, die sich alle bei 6-7 Minuten einpendeln, haben genau das richtige Füllmaterial um die genau richtige Länge der Lieder auszufüllen.

 

Aber weiter im Text: "Versunken" ist ein Lied, das einem einen Schauer über den Rücken jagt und den Zuhörer mit einem sanften "Sparta!" Fußtritt in den Abgrund tritt. Finsternis ist das Motto des Tracks und das spiegelt sich im Text und im instrumentalen Werk wider. Hochgeschwindigkeitsriffing und düsterer Mid-Tempo Part passen halt doch immer wieder zusammen wie die Faust auf die Weichteile.

 

"Spür mich" wurde bereits veröffentlicht und ist ein insgesamt gutes Lied. Black Metal trifft auf beissenden Groove. Als allein stehendes Lied mag es für manche ein wenig verloren wirken, allerdings muss ich dazu sagen, dass es aus dem Kontext des Albums gerissen ist. Gesamtkünstlerisch betrachtet passt das Anti-Religionslied definitiv in das Machwerk (auch wenn der Gastgesang und der dazugehörige Text von Aeleth Kaven mich anfangs stark an ASP erinnert hat) und hat auf jeden Fall seine Daseinsberechtigung.

 

In "The World Has Moved On" sticht besonders der ruhige Teil hervor. Neben der üblichen Portion Black Metal kommt hier gegen Mitte des Songs eine Verschnaufpause, die aber alles andere als langweilig ausfällt. Gastgesang, treibender Bass und verspielte Gitarre verursachen eine dichte Atmosphäre zum Zurücklehnen und Genießen, bevor es wieder richtig zur Sache geht.

 

Wir nähern uns dem Ende, nur noch "Hourglass" trennt uns vom großen Finale. Und hier wird wieder gepeitscht und ein böses Ende der Menschheit prophezeit. Musikalische Würze à la "Fickt euch alle!" inklusive. Hoffentlich lesen hier jetzt keine Kinder mit. Nicht, dass ich noch einen Aufschrei der Eltern provoziere. "Mama, der hat fick dich gesagt!". Ich interpretiere ja nur die Musik :)

 

Finale, Finale! Also nicht, dass ich mich jetzt darauf gefreut habe, langsam zum Schluss zu kommen. Aber wie ich gerade bemerke, könnte so mancher Leser (sollten denn überhaupt alle bis hierhin gelesen haben) froh sein, dass bei meiner verbalen Ejakulation ein Ende in Sicht ist. Hat aber schon was zu heißen, wenn ich zu jedem Lied so viel zu sagen habe. "Falling from Space" macht es mir schwierig, Abschied zu nehmen. Zum Glück gibt es ja die Replay Taste. Das Lied ist nochmal ein atmosphärischer Hammer, das es in sich hat. Sieht man einmal von dem eingeworfenen Sprechgesang ab, handelt es sich hier um ein Instrumental Stück. Was der Tatsache, dass Choroba als ebendieses angefangen hat, ein i-Tüpfelchen verleiht.

 

Mit dieser Scheibe habe ich ehrlich gesagt wirklich nicht gerechnet! Nur das Lied "Spür Mich" alleine verleiht einem nicht mal im Ansatz die Gabe, das Album vorauszuahnen. Abwechslungsreiches Songwriting, beissender Groove, bitterer kalter Vibe und gelungene Gastsängerinnen machen aus dem Album ein Black Metal Werk mit enormen Wiederhörwert. Bleibt nur zu hoffen, dass die Herren sich noch dazu entschließen, wirklich eine vollwertige Band inklusive Live Auftritten auf die Beine zu stellen. In der Wertung gibt es nur einen Punkt Abzug, da ich die Ahnung habe, dass da noch viel mehr drin ist. Und darauf freue ich mich schon!

 

 

 

 

-Samuel-