Anomalie - Visions

10/10

Label: Art of Propaganda Records

VÖ: 17.03.2017

Titelzahl: 7 Tracks

Laufzeit: 52 Minuten

Genre: Atmospheric Black Metal

 

Man kennt das ja, da klickt man sich durch etliche Black Metal Veröffentlichungen, die einem die Füße einschlafen lassen, denkt sich nichts Böses (wie auch, bei vertonter Langeweile) und stolpert unvorhergesehen über eine Band, die einen mitreißt. Anomalie war es in diesem Fall. Offensichtlich gab es wohl schon Interviews und Berichte in diversen größeren und kleineren Musikblättchen. Zu meiner Verteidigung muss ich hinzufügen, dass ich diese nicht mit allzugroßer Aufmerksamkeit verfolge. Was Corey Taylor wohl dazu sagen würde? *Pun intended*

 

Wie dem auch sei, hinter Anomalie steckt der Kopf der Sache, Marrok, der das Ganze als Projekt begann, sich mittlerweile aber noch Mitmusiker und Gastdozenten dazugeholt hat. Und so wurde nun das dritte Album veröffentlicht.


Einige mögen die ganze Sache in der Schublade Post Black Metal ablegen. Die Bekanntschaften des Masterminds legen das auch sehr nahe. Stimmt auch, einige Post Elemente sind auch dabei. Während viele Post Black Metal Bands aber beispielsweise nur über ihr Seelenleid klagen oder schlicht und einfach nicht herausstechen, schlagen Anomalie eine vielschichtigere Richtung ein. Inspiriert von der Natur und der Spiritualität eines jeden Individuums ist man dem ein oder anderen trven Black Metal Act näher, als man meinen könnte. Zugegeben, bei solchen Themen werde ich immer ganz feucht. Aber auch musikalisch wird sich sehr viel Mühe gegeben und das Talent der Instrumentalisten ist definitiv nicht abzustreiten.

 

Das Album "Visions" ist ein Gesamtkonzept, was bei mir immer den Verdacht herufbeschwört, dass man sich nicht mal eben ein einzelnes Lied anhören kann. Natürlich wirkt es erst richtig, wenn man sich der Musik in ihrer Gänze hingibt, man kann sich aber auch wunderbar einen bestimmten Song in die Nebenbei-Playlist schieben.

Und ein weiterer großer Pluspunkt: Das Konzept geht auf, die Scheibe wirkt rund (Hah haaahh... Heute übergieße ich euch ja förmlich mit schlechten Wortwitzen, entschuldigung dafür) und kein Lied ist fehl am Platz. Auch die glasklare und druckvolle Produktion ist ein wahrer Ohrenschmaus. Für Rawness wäre das wohl die falsche Plattform.

Im Übrigen ist das Cover, wie ich finde, auch todschick ausgefallen.

 

Wie geschickt die Mannen auch mit atmosphärischer Klanggestaltung umgehen können, wird direkt zu "Vision I: Towards the Sun" bewiesen. Knisterndes Lagerfeuer, akustische Gitarre und harmonisch-spiritueller Gesang versprühen einen Hauch von schamanischer Beschwörung, ehe die verzerrten Gitarren und das Schlagzeug ihren Teil beisteuern und die mystisch anmutenden Schreie des Sängers begleiten. Wer spätestens bei dem mehrstimmigen Chor am Ende des Liedes noch keine Gänsehaut hat, tut mir echt leid.

 

Bei "Vision II: The Wanderer" wird es spürbar knarziger und schneller, die Atmosphäre bleibt aber auch hier dicht und eindrucksvoll. Der Kontrast zum folgenden "Vision III: A Monument" ist heftig, aber wirklich hervorragend. Knappe zwei Minuten lang wird man mit Wasserrauschen und derbe düsterer Horrorfilmsoundeffekte berieselt, die den Geist in ein schwarzes Loch drücken. Passend dazu wird anschließend das Tempo und die Tiefe der Gitarren auf Doom-Niveau gedrückt und der Gesang ist düster keifend.

Aus einem Akustikpart heraus wird die Daumenschraube dann wieder mit voller Geschwindigkeit zugedreht und die Brutalität nimmt Einzug. Sehr schöne und (zumindest für mich) unvorhersehbare Tempowechsel ziehen sich so durch den ganzen Song (und das ganze Album). Mit diesem Lied erschaffen sich Anomalie eindeutig ein Monument. Das mit guten elf Minuten auch das längste Lied darstellt, irgendwo muss die Laufzeit ja herkommen.

 

Einen weiteren Platz auf meiner Favoritenliste hat sich auch "Vision VI: White Forest" verdient. Die Mischung aus Akustikgitarre, Schlagzeug und dezenter verzerrter Gitarre im Hintergrund, die gemeinsam mit dem bassigen Gesang eine klangliche Einheit deluxe bilden, schmeißen einen in die entlegensten Wälder dieser Welt und lassen dich darüber nachdenken, wo es jetzt hingehen soll. Also spirituell gesehen.

 

Das Schlusswort ergreift "Visions VII: One With The Soil" und der Titel lässt schon erahnen, dass man den Weg (oder das Ziel?) gefunden hat. Hier hat Marrok ein gesangliches Stelldichein mit Heike, ihres Zeichens Sängerin von Draconian, die mit ihrer klaren und mystischen Stimme noch mehr Würze in das Gericht streut. Von ihr hätte ich sogar gerne noch mehr auf dem Album gehört. Womöglich ist es aber auch gar nicht verkehrt, dass man ihren Einsatz nicht exorbitant ausreizt und das Lied so zu etwas Besonderem macht.

 

Nach dem Durchlauf mit dem Album fühle ich mich musikalisch erfüllt und vollkommen, was wahrhaft nicht oft geschieht. Anomalie schaffen es, mit "Visions" ein Werk zu präsentieren, das sehr nahe an die Perfektion von atmosphärischem Black Metal heranreicht und das sowohl Anhänger älterer Tage sowie der aktuellen Bewegung zusammenführt. Von mir bekommen sie die wohlverdiente und längst überfällige volle Punktzahl. Auch wenn ich nicht Metal Hammer oder Legacy heiße, vielleicht bedeutet es ja doch etwas. 

 

 

 

-Samuel-