Black Metal made in Iran


Wann immer der West-Europäer das Wort >Iran< hört, denkt er dabei an einen totalitären Gottesstaat, in dem jeglicher Bruch mit den göttlichen Gesetzen zu ernsthaften Konsequenzen, im schlimmsten Fall dem Tod, führen kann. Unser Wissensstand wird (hauptsächlich) genährt von den Medien, denen man blind vertrauen soll. Immer wieder liest und hört man Berichte von Menschen, die dort aufgewachsen sind und gelebt haben. Meistens aber hört man vom Iran, wenn es mal wieder um die Atomfrage geht. Der Feind des Westens wird dabei klar definiert und das absolute Gut-Böse Gefüge darf nicht angezweifelt werden. Viele Menschen vergessen dadurch, dass die Bewohner dieses Staates auch nur Menschen sind und selbst Opfer dieser Schwarz-Weiß-Malerei sind. Trotz alledem herrscht nicht gerade die reine Demokratie in diesem Land.

 

Einer der ehemaligen Bewohner war nun willens, sich uns zu öffnen und seine Geschichte zu erzählen. Besonders interessant ist es für diese Seite vor allem aus einem Grund: Trivax, eine Black Metal Band, die nun in Großbritannien aktiv ist, wurde im Iran gegründet. Shayan, der im Iran geboren und aufgewachsen ist, steht mir als Frontmann dieser Truppe Rede und Antwort und liefert uns interessante Einblicke aus seinem Blickwinkel. Wie steht es tatsächlich um die Menschen im Iran, wie kann es dort überhaupt so etwas wie eine Metal Szene geben und wie hat die Flucht nach England sein Leben und sein musikalisches Wirken geändert?

 

Kurze Erläuterung zum Text: Meine Fragen fallen relativ kurz aus, denn meine Bitte an Shayan war, dass er einfach freizügig erzählt, was ihm im Kopf herumgeht. Dadurch soll ein guter Eindruck des Ganzen entstehen. Prinzipiell ist es also eine Erzählung von ihm und seiner Sichtweise ohne Limitierung durch meine Fragestellung.


Leben im Iran

-Erzähl mir Etwas über dich, wer bist du?-

 

Mein Name ist Shayan. Ich bin geboren und aufgewachsen im Islamischen Staat Iran, welcher auch als Persien bekannt ist. Die grundlegende Version meiner Geschichte ist, dass ich mit 16 Jahren auf eigene Faust nach England gegangen bin, um die Freiheit zu haben, Musik so spielen und Kunst so ausdrücken zu können, wie ich es mir wünsche. Seitdem sind fast sechs Jahre vergangen und ich bin immer noch aus den gleichen Gründen hier, während ich hier fortführe, was ich damals (im Iran) begonnen habe. Den Großteil meines Lebens widme ich meiner Aufgabe mit meiner Band Trivax. Sie ist ein großer Teil von mir so wie ich auch ein Teil davon bin und an diesem Punkt können wir nicht mehr ohne den Anderen existieren.

-Die Menschen hier haben durch die Medien eine ungefähre Vorstellung davon, wie es im Iran ist. Erzähl uns aus deiner Sicht heraus, wie du das Leben dort wahrgenommen hast.-

 

Ich bin mir nicht sicher, ob die Medien eine genaue Beschreibung dessen, wie der Iran und die Menschen dort tatsächlich sind, widerspiegeln. Ob es jetzt um die Sicherheit der Menschen, der Kultur oder sogar das Wetter geht. Ich weiß beispielsweise, dass eine Menge Leute denken, dass ich aus einer heißen Wüste komme, während es dort tatsächlich hauptsächlich Berge gibt und wir vergleichsweise viel mehr Schnee haben, als hier in England. Der Iran ist generell ein ziemlich großes Land und es ist sicherlich ein sehr wichtiges Stück Land. Nicht nur wegen der derzeitigen Lage,  sondern auch wegen der Geschichte des Landes und seiner Rolle in den frühen Zivilisationen der Menschheit. Ich glaube nicht, dass der Iran das ist, was die Menschen (im Westen) glauben, aber ich versuche es zu erklären, so gut es mir gelingt.

 

Als ich dort aufgewachsen bin, habe ich persönlich nie das Gefühl gehabt, dorthin zu gehören. Die Mentalität der Menschen, wie sie Dinge betrachten und was sie als heilig erachten, waren nie Dinge, die mich interessiert hätten oder die mir wichtig gewesen wären. Es gibt diese Herdenmentalität in dieser Kultur und sogar die Intelligentesten können manchmal darauf hereinfallen. Ich glaube auch, dass die Einwohner generell ziemlich verwirrt sind, weil die Regierung einerseits möchte, dass sie etwas Bestimmtes sind (bzgl. Religion und Kultur), andererseits gibt es den Einfluss von Satellitenfernsehen, Bootleg Hollywood - Filmen und natürlich dem Internet, das die Leute absolut gegenteilig zu dem, was die Regierung möchte, beeinflusst.

 

Es gibt auch ein weiteres Thema, das kaum einer anspricht. Dort drüben gibt es diese massive sexuelle Frustration, die jeder innehat. Jungs und Mädchen können nicht ficken, wenn sie nicht verheiratet sind und wenn du einer Frau die Jungfräulichkeit nimmst, ohne sie vorher geheiratet zu haben, kannst du dich selbst als so gut wie tot betrachten, sollte es jemand herausfinden.

Schulen sind nach Geschlechtern getrennt, sobald die Kinder das siebte Lebensjahr erreichen. Zu alldem gibt es praktisch keine Erziehung und Lehren über Beziehungen. Alles was sie dir sagen, ist "Vertraue auf Gott und du und deine Frau werdet ein gutes Leben haben".

Ich weiß, es ist seltsam, dass ich über all das rede, wenn ich erklären will, woher ich komme. Aber du kannst dir die Auswirkungen von etwas so Simplem auf die Leben der Leute nicht vorstellen. Jeder ist permanent gestresst, es gibt immer viel Verkehr und die Leute hupen und schimpfen sich gegenseitig an.

 

Dann gibt es da noch die junge Generation, von denen die Hälfte so high ist, dass jede Hilfe zu spät kommt. Nichts Verwerfliches daran, high zu sein, aber ich glaube, du weißt was ich im Allgemeinen meine.

Also nein, ich persönlich hatte nie das Gefühl, dorthin zu gehören. Obwohl ich von klein auf nie ein Problem hatte, sozial zu interagieren, habe ich nie etwas gefunden, womit ich etwas hätte verbinden können. Es gibt dort eine unnötige Menge Schmerz und Unterdrückung auf jedermanns Schultern.

-Shayan live, 2016-


Erste Kontakte mit Metal

-Wann bist du das erste Mal mit Metal in Kontakt gekommen und vor allem wie?-

 

Naja, Musik war für mich schon immer wichtig, eigentlich schon seit meiner Geburt. Meine Eltern waren und sind immer noch große Musik Fans, da es auf irgendeine Art und Weise ihr Leben definiert. Also war die Musik schon immer um mich herum während ich aufgewachsen bin. Als Kind war eines meiner Lieblingsspielzeuge die Stereoanlage und die Kassetten, die wir hatten. Es war alles querbeet, von traditioneller iranischer Musik bis hin zu Aqua, welche ich zu dieser Zeit übrigens sehr gemocht habe.

 

Als ich älter wurde, hat sich meine Haltung natürlich geändert und ich habe angefangen, mich für Gewalt in Form von Unterhaltung zu interessieren. Natürlich war Wrestling (damals noch die WWF) für mich höchst interessant. Ich glaube, zu dieser Zeit habe ich auch angefangen, den Rock Sound von Stone Cold Steve Austin's Eingangsmusik oder Kane's oder sogar Undertaker's Lied zu mögen. Ich weiß nicht, warum, aber es war etwas, das mich wirklich (fucking!) bewegt hat.

 

Als ich zehn war, daran erinnere ich mich noch genau, hatte ich diese Disk von Wrestlemania 19 und es gab diese Vorschau für den Kampf mit The Rock gegen Steve Austin und dort lief dieser Limp Bizkit Song "Crack Addict" oder welchen saukomischen Namen der auch immer hatte. Eines Tages jedenfalls habe ich mir das in meinem Zimmer angeschaut und als das Lied lief, habe ich die Lichter ausgeschaltet und die Lautstärke voll aufgedreht. Ich bin dann hin und her gerannt, habe mich gegen die Wände geschmissen und einfach nur geheadbangt, bis mir schwindlig wurde und ich umgekippt bin. Es war unglaublich! Nie zuvor habe ich so einen Adrenalinschub gehabt. Ich weiß, es klingt komplett verrückt, aber für mich macht es Sinn, vor allem in Anbetracht des Weges, auf dem ich gelandet bin.

 

Für das Zeug, das ich gehört habe und das ich genossen habe, schäme ich mich auch nicht. Besonders in dem Wissen, das keiner um mich herum, mich eingeschlossen, eine Ahnung hatte, dass diese Art von Musik in irgendeiner Form existiert, beziehungsweise irgendwo angesagt war. Es war nichts, was ich mochte, nur um cool auszusehen. Ich hatte wirklich etwas in meinem Herzen, das herausbrechen musste und diese Musik war das beste Werkzeug, um das zu bewerkstelligen. Und so geht es mir auch bis heute.

 

Um deine Frage nun tatsächlich zu beantworten, der entscheidende Moment, der mich zum Metal gebracht hat, war, als eines Nachmittags der Fernseher lief und ein Musik Video von Metallica kam. Obwohl die Lautstärke aus war, gab es etwas in mir, das Klick gemacht gemacht hat. Keine Ahnung, ob ich in meine Zukunft gesehen habe oder so ähnlich, aber es war ein wirklich mächtiger Moment. Zuvor hatte ich nie etwas von der Band gesehen oder gehört, aber als der Bandname am Ende eingeblendet wurde, habe ich mich zu meiner Mutter umgedreht und gerufen, dass ich sie kenne. Danach bin ich direkt in mein Zimmer gerannt und habe mir den Namen auf ein Blatt Papier geschrieben. In dieser Woche bin ich im Musikladen, zu dem ich immer ging, glücklicherweise auf eine Bootleg CD von Metallica gestoßen. Die darauffolgenden Wochen habe ich mir die komplette Diskographie als Bootleg CDs zusammengekauft. Ein paar Monate darauf kaufte ich mir meine erste Gitarre samt Verstärker und habe angefangen zu üben. Durch meinen Gitarrenlehrer habe ich auch eine Menge Bands kennengelernt, die ich mir angehört habe. Drei Monate, nachdem ich meine Gitarre hatte, wurde Trivax ins Leben gerufen.

-Gab es einen bestimmten Grund, warum du dich dazu entschieden hast, in einem Land mit massiven Regulationen ausgerechnet Black Metal zu spielen?-

 

Ich finde, es sollte eher überraschend sein, dass nicht jeder in Iran in einer Black Metal Band spielt, in Anbetracht der Unterdrückung, die ihnen auferlegt wurde. Es hätte die selbstverständlichste Wahl sein müssen, wenn man an so einem Ort wohnt, oder nicht? Ich denke, dass wenn es akzeptiert und populär wäre, die kompletten 70 Millionen Einwohner in einer Ross Bay Cult Cover Band sein sollten.

 

Aber ja, so schnell, wie ich diese Musik für mich entdeckt habe, genauso schnell hatte ich das Bedürfnis nach immer härterer Musik. Also habe ich meinen Gitarrenlehrer gefragt, ob er mir ein paar Bootleg CDs von Death Metal Bands bringen könne. Schließlich habe ich sie auch bekommen, aber auch die haben mir nicht die Befriedigung verschafft, die ich mir erhofft hatte. Als irgendwann Black Metal erwähnt wurde, habe ich ihn auch nach Zeug von diesem Genre gefragt. Denke an diesem Punkt daran, dass es nicht viel Sinn machte, im Internet danach zu suchen, weil damals alles zensiert war und gefiltert wurde. Das Internet konnte man höchstens für e-Mails oder Yahoo 360 verwenden. Jedenfalls brachte mein Lehrer mir dann ein paar Cradle of Filth und Dimmu Borgir Musik Videos mit, allerdings fand ich sie sehr nervig. Im Nachhinein betrachtet vermute ich, dass er einen damals vierzehnjährigen Jungen nicht zu sehr verstören wollte, was nachvollziehbar ist. Meine Reaktion jedenfalls war "Black Metal ist scheisse", woraufhin er mir widersprach, dass das noch kein echter Black Metal wäre und er mir damit nur einen Einblick geben wollte.

 

Als ich ihn das nächste Mal traf, gab er mir "De Mysteriis Dom Sathanas". Das erste Mal, dass ich die CD gehört habe, ist mir noch ganz klar in Erinnerung. Mayhem kannte ich nicht, auch nicht die Geschichte und nicht einmal das Aussehen der Bandmitglieder, so war es also nur der Eindruck der Musik, den ich hatte. Wir waren auf einer Reise in den Norden Irans, in einem vereinsamten Gebiet, was auch die perfekte Umgebung dafür war. Während dem Trip habe ich das Album eingeworfen und als "Funeral Fog" anlief und Attilas Gesang einsetzte, habe ich mich vor Freude eingeschissen und noch mehr als der Chorus mit "Fuuuuuuuuunnneeeerraaaaaaaaaaaaalll FOG!" lief.

Meine Kinnlade war 10 Fuß heruntergeklappt und ich dachte mir nur "What the fuck am I listening to?!"

 

Es war diese unheimlich düstere Energie, die sich irgendwie sehr vertraut angefühlt hat und ich glaube, dass ich tatsächlich hauptsächlich deswegen so eine Bindung dazu hatte. Die Musik selbst war ok, aber dahinter war etwas so Schwarzes, Düsteres und das hat von da an mein Herz ergriffen und Black Metal zu einer Obsession in meinem Leben gemacht. Es war also nur natürlich, dass meine eigene Musik diesen Klang haben musste, es fühlte sich auch richtig an, diese Skalen und Akkorde selbst zu spielen.

-Shayan während einer heimlichen Probe im Keller, Iran, 2010-


Metal im Iran - Freiheit oder Tod

-Wie waren die Reaktionen von Familie und Freunden auf deine neue musikalische Vorliebe?-

 

Ich denke, die Meisten fanden es nicht schlimm, zumindest sagten sie nichts Negatives darüber. Meine Mutter war demgegenüber sogar ziemlich gelassen, tatsächlich war es auch so, dass meine Mutter mit mir zusammen zu einem Metalhead mutierte. Ich weiß, dass sie sich auch heute noch Behemoth und Nile und sowas anhört. Mein Vater allerdings fand es anfangs nicht so toll. Schließlich arrangierte er sich aber damit, als er feststellte, wie wichtig diese Sache für mich war.

Ich weiß, das ist mit Sicherheit nicht die Antwort, die du gehofft hast zu hören, aber halte dir vor Augen, dass ich von ziemlich aufgeschlossenen Eltern großgezogen wurde.

 

In der Schule hingegen hatte ich gemischtere Reaktionen, verglichen mit denen von meiner Familie. Es gab dort zum Beispiel diesen einen Koran Lehrer und diese Fotze erzählte mir eine Geschichte über Metallica, wie sie einmal auf der Bühne eine Horde Hühner freiließen die dann von der Band zerstampft wurden, während sie ihre Musik spielten. Obwohl es eine erlogene Geschichte war, mochte ich die Band dadurch trotzdem nur noch mehr. Ein anderer Lehrer sagte mir, dass wenn ich diese Musik höre, mich jeder hassen würde. Das passierte zwar auch nicht, aber das hat mich auch nur noch mehr dazu motiviert, diese Musik zu hören.

 

Ich bin jetzt allerdings auch nicht damit hausieren gegangen, aber selbst wenn, ich glaube nicht, dass die Leute zu extrem reagiert hätten weil sie es entweder von meiner Person erwartet hätten oder weil sie einfach keine Ahnung hatten, was es damit auf sich hat.

-Wie funktioniert die Metalszene im Iran? Was sind in Anbetracht der Islamischen Religionspolizei und ihrer Bestrafungen die Schwierigkeiten, diese Musik zu hören oder sogar Konzerte zu veranstalten?-

 

Es ist eine sehr seltsame Szene dort, mit einer komischen Mischung von Leuten und Bands. Wie die Meisten wissen, haben nur die allerwenigsten ausländischen Rock oder Metal Bands im Iran gespielt. Als ich noch dort war, war es schier unmöglich überhaupt daran zu denken, ein Konzert zu veranstalten. Scheinbar hat es sich in den letzten vier oder fünf Jahren gehäuft, obwohl es immer noch sehr stark reglementiert ist. Du kannst es vergessen, live zu singen, vor allem auf Englisch, Punkt. Leider war ich von den Konzerten, die zugelassen waren, sehr enttäuscht, weil die Musik keinerlei Aggressionen hatte und jeder versuchte nur Bestätigung und Aufmerksamkeit von seinem Umfeld zu bekommen. Es herrschte ein sehr konservativer Vibe wenn es um die Musik geht, es wollte ja auch keiner verhaftet werden.

 

Aus diesen Gründen hatte ich auch einige Unstimmigkeiten mit unserem Drummer weil er eben auch nur Bestätigung und Aufmerksamkeit wollte. Während ich aber mit einem "Fuck off to everyone" machen wollte, wonach mir der Sinn stand. Was eben extreme Musik war.

 

Zum Thema Religionspolizei: Zu meiner Zeit konnte man nicht wirklich mit langen offenen Haaren auf die Straße. Und man konnte erst recht nicht so eine extreme Musik live spielen. Einmal habe ich miterlebt, wie ein Typ im Park von den Polizisten verprügelt wurde, nur weil er mit seiner akustischen Gitarre für ein paar seiner Freunde gespielt hatte. Die verstehen das alles nicht und es ist für sie verboten, wenn du ihnen also in die Quere kommst, dann ficken sie dich einfach.

 

Ein paar Freunde von damals haben ein wenig gejammt, einem der Nachbarn passte das nicht, hat sie gemeldet und die Polizei hat die Jungs verhaftet, die Instrumente zerstört und die Haare abgeschnitten. Einem Bekannten in London ist das Selbe passiert, nur dass er von einer noch älteren Generation stammt, in welcher die Polizei noch viel brutaler vorging.

Ich glaube fast, dass ich bis 2011 wohl einer der wenigen Musiker war, der in Iran eine öffentliche Show ohne Erlaubnis spielen konnte und damit davongekommen bin. In dieser Nacht hätte ich wohl sterben können, aber glücklicherweise bin ich es nicht. Yay.

-Trivax live in Iran 2011-


Flucht in die künstlerische Freiheit

-Was war nach Allem der Hauptgrund, weshalb du dich dazu entschlossen hast, deine Heimat zu verlassen?-

 

Freiheit um Metal zu spielen. Um es so einfach wie möglich zu sagen. Ja, das war es wohl, ich musste einfach frei sein, ich musste live spielen und so laut wie ich wollte. Ansonsten hätte es wohl damit geendet, dass ich mich oder Andere verletzt hätte. Das Feuer muss rauskommen und falls es das nicht tut, können die Dinge ganz schnell schief gehen. Außerdem hätte ich dort sowieso keine große Zukunft gehabt. Bis heute komme ich nicht besonders gut mit anderen Iranern klar und ich kam mit der Vorstellung, in dieser Umgebung zu arbeiten und ein Leben aufzubauen, nicht klar.

 

Ich weiß, dass ich großes Glück hatte, das Land verlassen zu können weil ich auch weiß, dass es noch Hunderte, wenn nicht sogar Tausende wie mich dort gibt, die in diesem Dreck festsitzen. Die letzten Jahre dort waren auch echt hart, muss ich zugeben. Ein Schlüsselmoment war wohl auch als mein Vater sagte "Fuck it, my son's out of here!"

-Wie bist du raus gekommen?-

 

Ziemlich simpel eigentlich, es war zwar ziemlich stressig aber sobald ich die Chance dazu hatte, habe ich sie ohne mit der Wimper zu zucken genutzt. Wir hatten mehrere Colleges in Großbritannien kontaktiert und mit einiger Arbeit und Beharrlichkeit und nachdem wir das Geld zusammen hatten, konnten wir mir einen sicheren Platz am College in Birmingham sichern. Und das war es so ziemlich. Ich bin gegangen und habe nie zurückgeblickt. Glücklicherweise war ich nicht mit dem Ärger konfrontiert, den einige meiner Freunde durchlebt haben. So wie zu Fuß abzuhauen oder so.

Vielleicht sollte ich zurück gehen und dann zu Fuß wieder fliehen, um in der Zukunft besseres Material für eine Dokumentation zu haben, wenn wir irgendwann 218 Platinum Alben haben.

 

 

-In UK angekommen, war es so wie du es dir vorgestellt hast?-

 

Meine Erwartungen waren, naja, dass ich endlich frei bin. Natürlich war es nicht zu 100% der Fall, weil Englands Ruf überall besser ist, als es tatsächlich der Fall ist, vor allem in Birmingham. Ich war ehrlich gesagt auch ziemlich enttäuscht darüber, die ganzen Moscheen und Muslime und Leute aus meinen Gegenden zu sehen, die die örtliche Kultur nicht respektieren.

Außerdem kam ich für den Rock 'n' Roll hierher und nicht um mir den Bus mit Leuten zu teilen, die zwölf Kinder haben, den ganzen Tag auf ihrem Arsch sitzen und von ihren Sozialhilfeschecks essen und atmen. Aber trotzdem, das war nicht mein Heimatland, ich kann mich nicht so viel beklagen. Und letztendlich kam ich hierher um frei zu sein und live mit einer Extreme Metal Band zu spielen und das habe ich bekommen.

 

Ich wünschte nur, die Leute hier würden unseren Einsatz mehr zu schätzen wissen.

 

 

-Wie hast du denn die örtliche Metal Szene wahrgenommen?-

 

In den ersten paar Jahren konnte ich mich kaum mit der Szene hier anfreunden, weil ihre Art, mit Musik umzugehen, komplett anders und zurückhaltender ist, als ich es von früher kannte. Manchmal habe ich mich echt gefragt, ob sie sie überhaupt genießen. Weil für mich ist es so, dass wenn du Metal hörst, bedeutet das, dass das fucking devil's blood in den Venen kocht und du so hart headbangen musst, bis deine Seele endlich aus dem verrottenden Fleisch entkommen kann. Hier ist es so, dass die Leute zu einem Gig gingen und entweder auf ihre fucking Handys glotzten oder regungslos mit einem Becher Bier die Bands angestarrt haben.

Ich habe das wirklich nicht verstanden, tu ich bis heute nicht, aber ich versuche, nicht zu genervt davon zu sein.

 

Andersrum passiert es aber genauso bei den Bands, so viele von ihnen haben kein Feuer, keinen Willen oder keine Leidenschaft und diese Bands stinken ab, sie werden es nie irgendwohin schaffen. Entschuldige, ich werde immer wütend wenn ich darüber nachdenke, dass diese Leute vergessen haben, wie privilegiert sie sind.

Es ist aber nicht alles schlecht, ich habe auch schon ein paar Menschen getroffen, die aus den richtigen Gründen wirklich auf meiner Wellenlänge sind. Zum Beispiel die Band Funeral Throne, die habe ich vor vier Jahren zum ersten Mal live gesehen und dachte fucking hell, endlich mal Leute, die sich genauso wie ich verhalten. Und sie sind in der sogenannten freien Umgebung und verhalten sich dennoch so, von ihnen habe ich definitiv gelernt und ich finde, das ist echt cool.


Wiedergeburt von Trivax

-Trivax UK bei einer Bandprobe, 2015-

-Wie hast du die jetzigen Bandmitglieder gefunden und wie vollzog sich die Entwicklung der Band?-

 

Es war anfangs eine leicht verzweifelte Suche weil ich wohl sehr ungeduldig war und so schnell wie möglich Trivax wieder ins Leben rufen wollte. Aber glücklicherweise habe ich die Jungs am College kennengelernt und es hat nicht lange gedauert, bis wir uns formiert haben. Ich glaube, eine Zeit lang, für einen Monat oder so, haben wir uns nur aus der Ferne wahrgenommen, bis wir an der Schule schließlich eine musikalische Performance abliefern mussten. Sie waren wohl ziemlich beeindruckt von dem, was ich anzubieten hatte und so saßen wir dann zusammen und ich erklärte ihnen, was es mit Trivax auf sich hat. Nach ein paar vorgetragenen Riffs waren sie mit an Bord.

Dadurch, dass sie ziemlich jung zusammen anfingen (unser Drummer und Gitarrist kannten sich schon seit sie vier oder fünf waren und haben haben auch zusammen in einer Heavy Metal Cover Band gespielt), war auch schon eine Chemie untereinander vorhanden. Das hat wohl auch zu unserer Langlebigkeit beigetragen.

 

Also ich denke, dass die ersten paar Jahre ein wenig schwierig für mich waren weil ich mit der englischen Kultur nicht so vertraut war und alles, was ich darüber wusste, kam von Filmen und Serien. Offensichtlich denkst du auch, wenn du dein Leben lang nur im Iran gelebt hast, dass jeder dort draußen gleich ist. So wie in einer amerikanischen Sitcom die Engländer immer gleich dargestellt werden und man denkt, dass die Engländer erwarten, dass du dich genauso verhältst. Was natürlich komplett falsch ist! Damit hatte ich anfangs noch ein wenig zu kämpfen. Aus dieser Unsicherheit heraus habe mich auch öfters angegriffen gefühlt und dachte, dass sich jeder wie ein Arsch mir gegenüber verhält, obwohl es genau andersherum war. Da waren die kulturellen Unterschiede einfach noch zu groß.

 

Aber ich muss sagen, trotz der anfänglichen kulturellen und sprachlichen Barrieren hatten wir immer eine fantastische musikalische Verbindung untereinander. Unser Vibe, wenn wir im gleichen Raum spielen, war vom ersten Tag an immer sehr kraftvoll und wir hatten immer eine sehr gute Energie. Es gab noch eine Menge zu lernen, aber zu diesem Zeitpunkt sind wir eine Einheit und für die Fanatiker im Untergrund, die hungrig nach Energie sind, liefern wir diese auch.

-Trivax Promo Shoot-

-Wie ist dein Gefühl zum aktuellen Stand von Trivax?-

 

Wir haben uns definitiv auf ein neues Level gehoben, nachdem wir den anstrengenden Prozess der Kreation und Aufnahme des aktuellen und ersten Albums "Sin" abgeschlossen hatten, das Ende letzten Jahres erschien. Momentan tanken wir wieder Energie und sobald wir wieder bereit sind, werden wir alles ungezügelt und mit Vollspeed  auf die Welt loslassen! Snorty speed, yep yep yep

 

-Was ist deine Motivation hinter der Musik von Trivax?-

 

Veränderung ist das Schlüsselwort, denke ich, aber auch eine Übersetzung des Feuers, das wir in uns fühlen. Es verzehrt all die Dinge des Lebens und des Nachlebens und projiziert sie dann mit der mächtigsten Explosion nach außen. Ich glaube auch, dass wir alle tief in uns mit der Welt sehr unzufrieden sind und diese Musik dient uns dem Zweck, die Dinge um uns herum zu ändern.

Die Leute, darauf aufmerksam zu machen, was wir fühlen und was wir sehen, sie als Werkzeug zu benutzen, um die Seelen zu hypnotisieren und die Mauern der Realität vor ihnen niederzureißen. Und natürlich nebst alledem, sind Trivax und ihre Musik etwas, was geschehen muss, da die Quelle dessen, was herauskommt, nicht immer dem menschlichen Wesen entspringt.

 

All unsere Meinungen und Egos bei Seite, schlussendlich sind wir alle nur demütige Gefäße, die etwas extrem Wichtiges in sich tragen und worauf wir aufpassen müssen!


-Hat deine Vergangenheit Einfluss auf die Texte und Musik von Trivax?-

 

Absolut! Es wäre ein Verbrechen, würde ich das, was ich alles erlebt habe, ignorieren und stattdessen über Probleme schreiben, die nicht meine sind. Natürlich schaue ich auf meine Vergangenheit, aber ich betrachte es nicht zu einfältig. Alles was ich tat, tat ich aus einem bestimmten Grund und ich habe aus der Vergangenheit gelernt, um eine bessere Sicht auf das wahre Gesicht der Welt zu haben. Das Universum ist so viel mehr als das, was direkt vor uns liegt und es wird sehr ermüdend, wenn du dich zu lange auf die banale und unwichtige Scheisse, die um dich herum passiert, konzentrierst, nur weil du es so sollst. Mein Interesse liegt mehr darin, zu sehen, woher wir kommen und das Massenbewusstsein von nicht nur unserem Planeten, sondern des ganzen Sonnensystems oder sogar des Super Clusters, dessen Teil wir sind zu erforschen. Mich zieht aber nicht nur das an, sondern auch die Teile des Universums, in denen nichts existiert und wo es nur pure Dunkelheit gibt, denn jede Form von Existenz selbst ist eine Art der Ablenkung, wenn man es von außen betrachtet.

 

Um jetzt aber nicht zu weit abzuschweifen, die Vergangenheit beeinflusst auf jeden Fall unsere Kunst. Tatsächlich ist der letzte Song auf unserem Album "...And He Wandered Off To Nowhere" eigentlich ein sarkastischer Scherz, der davon handelt, wie ich mein Leben hingebe, um das zu tun, woran ich glaube. Falls du ihn noch nicht gehört hast, solltest du ihn dir auf jeden Fall mal anhören!

 

 

-Gibt es noch Etwas, das du den Leuten sagen möchtest?-

 

An alle Leser, ich ermutige euch alle, kauft euch unser neues Album SIN und wenn ihr mögt, was ihr hört, dann besucht Trivax auf Bandcamp, wo ihr uns durch den Kauf von Bandmerch unterstützen könnt.

An all jene, die auch in dieser Welt gefangen sind, befreit euch von euren Fesseln, stellt euch über das Gesetz und lasst die interessanten Dinge beginnen!

Danke für das Interview und hails an alle deutschen Krieger!

 

 

 -Ich habe zu danken für die ausführlichen und interessanten Einblicke!-

 

-Samuel-